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 Liebe Besucherinnen, liebe Besucher

Hier geht es ums Schreiben, ums Geschichtenerzählen und -lesen, ums "TiefSeelenTauchen", um Philosophie, Empathie, Intuition und Authentizität.

Nicht nur die sichtbare Geschichte formt ein Individuum, sondern vor allem auch die unsichtbare und unzensierte, die in unserer gleichheits- und erfolgsorientierten Gesellschaft viel mehr Beachtung und Verständnis finden sollte. Geschichtenerzählen (und jede Art von Kunst) ist intuitiv-empathische, philosophische Gedankenarbeit, Vorstellungskraft und Authentizität - kurzum: Eine geistige und seelische Reise durch den Menschen und die Welten, die er in sich erschafft, aber auch die Umwelt, die ihn prägt und seine ganze Geschichte ausmacht. Davon zu erzählen bedeutet, die Kraft sich anzueignen, für alles Menschliche Worte zu finden und sich die Fähigkeit zu bewahren, auch allem Unausgesprochenen und Unaussprechlichen eine Stimme zu geben. Für das Lautlose, Denkwürdige, Unterdrückte und Verborgene eine Sprache zu haben, die Menschen verstehen, und sich darüber hinaus selbst durch sie befreit und verstanden fühlen. Ich hoffe, dass mir mein anspruchsvolles Streben gelingt und bedanke mich bei meinen Leserinnen und Lesern für die Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Herzlichst, Sanela ​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​



AM OFFENEN HERZEN

»Weisst Du, was am meisten weh tut?« begann er nochmal. »Wenn Du anfängst, Dich selbst durch die Augen derer zu sehen, die Dich für den Schuldigen halten. Wenn Du beginnst, ein Lied in Dir zu summen, es Note für Note zu komponieren, der Text nach und nach von selbst entsteht, dass Du es singen kannst, ganz im Sinne der Menschen, die Dich anklagen, aus ihrer Perspektive. Und dieses Lied singst Du dann. Du zwingst Dich zur Stärke, Deinen eigenen Schmerz für nichtig zu erklären, um in den der anderen einzutauchen, ihn zu fühlen, als wäre er Deiner. Du singst und vergisst, warum Du ihn fühlst, und Dir fällt nach dem letzten Ton wieder ein, wer der Schuldige in ihrem Lied ist. Das, mein Freund, ist das Allerschwerste.« Mit einem tiefen Seufzer holte er Anlauf, um weiter zu reden, um ganz präzise zu sein.

       »Wenn also in dem Lied, das Du singst, plötzlich das Herz Deiner Frau in Dir schlägt, die Dir immer wieder sagt, dass sie nicht mit Dir leben kann und es trotzdem tut; dann das Herz Deiner Kinder, die Dir sagen, dass Du nicht da warst, als sie Dich gebraucht haben, dass Du sie nie richtig gesehen, nie gekannt hast. Und wenn ihre Herzen so schmerzhaft in Dir geschlagen haben, verstehst Du alles, Du bedauerst alles, aber Du weisst auch, wie schmerzhaft Dein eigenes Herz schlägt, und Du wünschst Dir, dass auch sie es könnten: Dein Herz in sich schlagen hören, Dein ganz persönliches Lied singen, das noch keiner gesungen hat, das vom Leben selbst für Dich geschrieben wurde.«

(Sanela Tadić | aus: »AM OFFENEN HERZEN« | Kurzgeschichte, Januar 2021)
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MUSIK IST EIN ZUSTAND

»Die wahre Musik, wenn wir sie hören, macht es uns unmöglich zu hassen. Weder uns noch andere. Ihre Melodien geben jedem unserer Zustände diesen betörend-unwiderstehlichen Klang, der vom Gehör direkt in unser Innerstes dringt. Zu den Sternstunden unseres Lebens, an die Musik uns erinnert. Zu den offenen Wunden, in die sie greift. Zu den Narben, die wir vergessen glaubten. Musik will verstehen. Jeden und alles. Wenn wir sie hören, wollen wir das auch. Zum Ausdruck bringen, was gefeiert, was bedauert und was noch geheilt werden muss. Wie jede Kunst ist Musik nichts anderes als ein Akt der Liebe, die immer und bedingungslos auf der Seite derer ist, die sie hören, mehr noch: die sie inwendig wie einen Zustand erleben.

Könnten wir doch alle einander so lieben, wie wir Musik machen, wie wir sie hören und erleben! Nicht bloss für ein paar Minuten, Stunden, für Tage, Wochen und Monate. Nicht bloss im guten Zustand. Nein. Vom ersten bis zum letzten Atemzug. Wann immer wir tief in uns drin von Sternen durchzogen sind, in die Hölle fallen oder verloren in einem leeren Raum ohne Sinn schweben. Trotzdem: Immerzu spielen, pausenlos klingen, singen und tanzen. In Trauer wie im Glück. Eigenhändig diese notwendigen Eingriffe am offenen Herzen vornehmen, an unserem und jener, die wir lieben. Ohne dabei zu pfuschen, um nicht noch mehr zu verletzen. Könnten wir das doch nur… diese Kraft aufbringen, unser ganzes Leben lang so zu tun, als wäre die Welt da draussen für uns Liebende gemacht – und nicht etwa wir für die Welt. Für diese uns abstumpfende Welt ohne Taktgefühl, in der Liebe, Musik und alle Kunst nicht an erster Stelle stehen.«

(Sanela Tadić | aus: »AM OFFENEN HERZEN« | Kurzgeschichte, Januar 2021)
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»Manchmal erkennen wir nicht,
dass wir mit unseren angeborenen
Fähigkeiten und Eigenschaften
viel mehr Raum verdienen,
als ihn uns die Zirkuszelte
dieser Welt anbieten.«

Zeichnung & Text: Inspiriert durch einen mich tief bewegenden TRAUM (15.9.2023) von zwei Elefanten auf einem grossen Platz, auf dem ein Zirkuszelt steht. Die beiden Tiere sind im Traum überdimensionale Erscheinungen, um das Dreifache grösser als das Zelt, in das sie gar nicht reinpassen. Es ist ein grauer und ein BLAUER ELEFANT, der mich sehr fasziniert und zu dem es mich von Herzen hinzieht. Er wirkt gütig und vertrauensvoll. Ich habe überhaupt keine Angst vor diesem sanften Riesen. Im Gegenteil: ich spüre Sicherheit und Schutz, ja eine starke, emotionale Verbundenheit angesichts einer unbezwingbaren Kraft und Grösse, die wohlwollend ist. Er sieht mir sanft, aber direkt und tief in die Augen und hebt dabei seinen Rüssel in meine Richtung. Ich lächle und bin tief berührt, während ich seinen Blick erwidere.

Seine königsblaue Farbe beruhigt mich. Sie strahlt Harmonie aus und vermittelt mir eine Weisheit aus höherer Perspektive. So mein Gefühl im Traum. Auf seinem Kopf ist eine Art Schmuck befestigt: zwei kleine, weisse Kreise und in der Mitte ein grosser Kreis (oOo), was mich an die Symbolik des "Dritten Auges" denken lässt. Und daran, dass der Elefant für ein überdurchschnittlich starkes Gedächtnis und Unterbewusstsein steht, weshalb meine verstorbene Mutter (1959 - 2012) oft sagte, dass ich ein "Elefanten-Gedächtnis" hätte. Mit diesen "Erinnerungen" in mir wache ich auf.

Am Tag darauf kommt die gefühlte Kernbotschaft des Traums in Form von Worten zu mir. In nur einem Satz. ~ Und es ist mir eine Herzensfreude und Ehre, dass mein Traum eine Freundin - ANGELA POERIO - so anmutig zu ihrer Kunst inspiriert hat, die wie die Elefanten viel mehr Raum - eine viel grössere Leinwand - verdient. DANKE!

​​​​​​​(Sanela Tadić | 16. September 2023)​​​​​​​

LIEBESBRIEF UND NACHTFALTER

»Er beginnt zu schreiben. Endlich. Ein paar Zeilen schafft er, liest sie sich selbst vor, schämt sich, prügelt innerlich auf sich ein – und zerknüllt das Blatt wieder. Er atmet schwer. Ein paar Mal wiederholt er das. Diese Scham und die Gewalt gegen sich selbst. Sein Papierstapel halbiert sich. Der Tisch ist von Knäueln an Liebesbriefen übersäht. Mit Erdrücktem, Ersticktem. Von seinen eigenen Händen. Er kann nicht mehr, wird müde – und wütend. Dann knallt er seine flache Hand auf die Tischplatte und fängt nochmal von vorn an. Der Nachtfalter erschrickt und steigt auf, fliegt hoch zur Decke, wo er hängen bleibt. Henry beschreibt eilig das leere Blatt Papier. Mit festem, fast schon brutalem Druck auf den Kugelschreiber:
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       »Wer bist Du denn eigentlich? Du bist noch viel weniger als gewöhnlich! Nichts und niemand bist Du! Es gibt Tausende von Frauen, die schöner, jünger und klüger sind als Du, ja tausend Mal besser als Du. Es könnte Tausende andere Frauen in meinem Leben geben. Ich müsste ihnen keinen Bettelbrief schreiben. Ein Fingerschnippen würde genügen, und sie wären auf der Stelle bei mir! Also, wer zum Teufel bist Du denn? Nichts und niemand bist Du! Nicht schön genug, nicht jung genug, nicht klug genug! Du bist mir doch mehr als egal!«

       Das schreibt er, hält inne und betrachtet sein Gekritzel. Es ist genauso hässlich wie der Inhalt. Ihm kommen die Tränen. Er lehnt sich im Stuhl zurück. Den Kugelschreiber lässt er aus der verkrampften Hand fallen. Auf das Blatt Papier, auf dem niemand – nicht mal er – entziffern kann, was da steht. Er blickt nach oben, zur Decke, wo er den Nachtfalter wieder bemerkt. Sein Atem wird so schwer, dass er keine Luft mehr kriegt, hustet und sich in seinen Händen ausheult. Sowas also kann er schreiben, einfach drauflos, aber nicht das Allerschönste, das Allerbeste, was man einem anderen Menschen schreiben kann. Gerade das kann er nicht. Es klingt für ihn noch hässlicher. Ein Liebesbrief von ihm klingt nach dem Gegenteil. Nach dem, was er eben geschrieben hat. Es muss hässlich klingen, weil jedes Wort von ihm kommt. Egal welches.

       »Wer bin ich denn eigentlich?« denkt er jetzt und schreibt es auf das nächste Blatt. Er weint, wie man weint, wenn keiner da ist. Bis auf den Nachtfalter, der auch an der Decke von der Kerze beschienen wird. »Ich bin noch viel weniger als gewöhnlich!« schreibt er weiter. Diesmal gut leserlich. »Nichts und niemand bin ich! Es gibt Tausende von Männern, die stärker, schöner, jünger und klüger sind als ich, ja tausend Mal besser als ich. Es könnte Tausende andere Männer in ihrem Leben geben, die keine Bettelbriefe schreiben, und die sie eher wollen würde als mich. Also, wer zum Teufel bin ich denn für sie? Nichts und niemand bin ich! Nicht genug von allem! Nicht genug für sie! Ich bin ihr doch mehr als egal!«

       Henry hört auf. Er fühlt sich elend und erschöpft, aber viel besser als vorhin, als er versucht hat, diese Frau zu hassen. Er muss sie lieben, wie er atmen muss, um nicht zu ersticken. Es ist ihm noch nicht bewusst, dass auch das ein Triumph der Liebe sein kann. Zu lieben, ohne geliebt zu werden. Vielleicht ist das sogar der Gipfel der Liebe, den niemand erreichen will, wenn er es nicht unbedingt muss.

(...)

Henry zerknüllt wieder, was er geschrieben hat. Den wütenden Brief und den resignierenden Brief. Der Nachtfalter fliegt jetzt über ihm, zieht grosse Kreise an der Decke, um an einer anderen Stelle hängen zu bleiben. Vielleicht spürt er, dass da unten, um diesen Riesen herum, nicht nichts passiert, dass was los ist, und dass jetzt ein möglicher Wendepunkt ansteht. Henry nimmt den Kugelschreiber wieder in die Hand. Ganz sachte tut er das. Dabei atmet er tief ein und aus. Er merkt selbst, dass er atmet. Das ist ihm selten bewusst. Nun weiss er plötzlich genau, was er schreiben will, und er will es sorgfältig tun. Leserlich. So schön, wie er nur kann. Von Herzen. In seinem Kopf schreibt er schon, lächelt und weint, als wäre beides ein und dasselbe Gefühl. Freude und Trauer. Licht und Schatten. Er beginnt zu schreiben: (...)«

​​​​​​​(Sanela Tadić | aus: »HENRYS LIEBESBRIEF« | Novelle, 2023 | 
ZEICHNUNG (mit Fineliner-Stiften): überaus beeindruckende künstlerische Interpretation, die aus dieser Geschichte entstanden ist,
​​​​​​​und doch auch eine ganz individuelle Vision von ANGELA POERIO... DANKE!
)​​​​​​​
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STÄRKER ALS EIN AUTO
(Geschichte eines Kindes)

»Manchmal werden wir einfach nicht gesehen und nicht gehört. Wie wenn wir gar nicht da sind. Nicht mal auf der Welt. Und dann muss was Schlimmes passieren, damit man uns sieht und hört. Ich glaube, dass wir uns dann auch selber besser sehen und hören, wenn was Schlimmes passiert, und wir fast gar nicht mehr da sind. Nicht mehr auf der Welt.

       Die Welt ist ein bisschen wie die Schule. Draussen ist es wie im Klassenzimmer. Man muss gute Noten haben, sonst wird man nicht gesehen und nicht gehört. In meiner Schulklasse ist das auch so. Wir haben Prüfungen, Zeugnisse und Lehrer. Von den Mitschülern muss man auch irgendwie gute Noten bekommen, damit man Freunde in der Schule hat. Sonst werden die Mitschüler sehr gemein. Sie schauen dann auch sehr gemein. Wie wenn man ganz winzig ist, so winzig wie ein Krümel, den man wegputzt. Mir fällt jetzt das Wort für das nicht ein. Es gibt ein starkes Wort für das. So gemeine Mitschüler können einen nicht richtig sehen, nicht hören und fast durch einen durchlaufen. Auch dafür gibt es ein Wort. Finde es grad nicht. Für alles gibt es Worte, die sagen, was man sieht und hört. Die können aber auch sagen, was man nicht sieht und hört. Ich glaube, Worte geben einem Augen und Ohren, wo die Menschen sie nicht haben.

       Das alles hab ich mir überlegt, weil ich doch ein Auto besiegt hab. Ich bin nicht winzig, kein Krümel. Ich bin stark und ich kann was. Noch nicht gut, aber ich werde besser. Ich kann gut überlegen und es aufschreiben. Es ist gemein, wenn man mir weh tut, weil ich tue anderen nicht weh. Ich möchte, dass wir alle in der Klasse uns lieb haben. Auch draussen. In der Welt. Nicht nur in der Schule. Auch die Lehrer sehen einen nicht immer gut, und sie hören nicht immer gut. Eltern auch nicht. Warum ist das so schwer? Richtig schauen und hören? 

       Ich hab auch nicht richtig geschaut und gehört. Auf der Strasse. Ich bin mit meinem BMX gefahren. Die gemeinen Kinder aus meiner Klasse haben mich gesehen. Wie einen Krümel. Dann sind sie hinter mir gefahren. Auf dem Fahrrad. Ganz schnell. Und sie haben gemeine Sachen gerufen. Sie wollten mich wegputzen. Ich bin dann auch immer schneller gefahren. Über den gelben Streifen auf der Strasse. Hab nicht links und rechts geschaut. Das muss man immer. Da ist dann das grosse Auto gekommen. Und ich hab dann gar nichts mehr gesehen und gehört. Das Licht ist ausgegangen. Alles war ruhig. Dann war ich irgendwann wieder da. Jemand hat gerufen, dass ich wieder beim bewusst sein bin. Oder so. Ich glaube, das sagt man, wenn man nicht tot ist. Hab da am Boden viele Schuhe gesehen. Von fremden Leuten. Und Autoreifen. Ich bin dort gelegen. Wie im Bett. Aber dort, wo die Autos fahren. Jemand hat gesagt: sie ist überfahren worden. Jemand anderes hat gesagt: sie ist mit dem Fahrrad mitgeschleift worden, und das Fahrrad hat ihr das Leben gerettet. Aber ich bin draufgefallen. Auf die Stange vom BMX. Der Arzt hat gesagt: offene Wunde am Unterbauch. Wir müssen nähen. Mein Kopf hat auch geblutet. Und dann hab ich gemerkt, dass meine Hände sehr wehtun. Ein Finger ist gebrochen, hat der Arzt gesagt. Der Mittelfinger. Ich hab so eine Schiene und einen Gips bekommen. Das hat mich sehr gestört, wollte das nicht haben. So musste ich dann in die Schule. Meine Eltern waren sehr froh, dass ich nicht tot bin.

       Alle in der Klasse haben nachher viel gelacht, weil ich in der Schule dann jedem den Mittelfinger gezeigt hab. Auch den Lehrern. Auf einmal schauten mich die gemeinen Schüler anders an. Sie fanden mich jetzt gut. Sie haben mich alles gefragt. Was nach dem Unfall passiert ist. Sie sind jetzt lieb zu mir. Alle schauen mich jetzt lieb an, weil ich ein Auto besiegt hab und in der ganzen Schule den Mittelfinger gezeigt hab. Jeder hat auf meinen weissen Gips was gemalt oder geschrieben. Das war toll. Gar nicht toll war, dass alle Lehrer dachten, dass ich die Hand hebe, um was zu sagen, weil ich meinen Arm hochhalten musste. Das hat der Arzt gesagt. Ich hebe doch nie die Hand. Dann schauen einen alle an und hören genau zu. Sonst hören sie nicht so genau zu. Und dann ist es, wie wenn man ganz schnell gute Noten haben muss.

       Ich hab das Gefühl, wir schauen uns in der Klasse jetzt alle besser an. Und ich finde es richtig gut, dass ich da bin. Auf der Welt. Aber wenn mich wieder jemand wie so einen Krümel anschaut, dann weiss ich, dass ich stärker bin als ein Auto. Man muss sich selber einfach richtig sehen und hören, nicht nur auf andere schauen. Jeder ist irgendwie gross und stark. Jeder kann was. Wir müssen uns nur lieb haben, dann sind die Augen und Ohren auch da. Bevor was Schlimmes passiert. – Meine Geschichte ist jetzt fertig.«

​​​​​​​(Sanela Tadić | aus: »IN AUTOS PASSIERT VIEL« | 13 Erzählfragmente/Szenen, 2022)​​​​​​​

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​​​​​​»Schicksal kommt
nicht von oben

oder gar von unten.
Es kommt von innen.
Wir haben schon
den Himmel auf Erden.

Nur noch nicht in uns

​​​​​​​(Sanela Tadić)

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{A thousand thanks to Thomas W. Schaller
for allowing me to combine my words with your luminous art.}









​​​​​​​LIEBEN

»Henry hat sich selbst nie gemocht, geliebt schon gar nicht. Er weiss nicht mal warum. Es ist vielleicht bloss die Tatsache, dass er – Henry – es ist, den er mögen, sogar lieben soll. Diesen Henry, der immer da ist, den er kennt wie keinen anderen, und den er meidet wie keinen anderen. Er will ihn nicht so gut kennen, weil er – Henry – es ist, und nie ein anderer. Es ist immer Henry, den er nie loswerden kann. Wäre es nicht leichter, wenn er ihn mögen, sogar lieben könnte? Niemand wird ihm je näher sein als Henry, von dem er sich niemals trennen kann. Alles und jeder kann ihn verlassen, er sich selbst nie.

        Und doch sehnt er sich danach: nach jemandem, der ihn von ihm – Henry – trennt. Wenn er sich aber verliert, wie könnte er dann noch lieben? Wie könnte irgendjemand ihn lieben? Es gibt ihn ja dann nicht. Nein, so geht das nicht. Er muss sich selbst wie jemand anderen lieben, um sich jemand anderem schenken zu können. Das ist das weise Gesetz der Natur. Ohne Henry gibt es auch niemand anderen. Nicht so, wie er es sich wünscht. Was für ein Fluch, denkt er wütend und weiss, dass es ein Segen ist, den er doch – dieser lästige, ungeliebte Henry – nicht verdienen kann.«

(Sanela Tadić | aus: »HENRYS LIEBESBRIEF« | Novelle, 2023)

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​​​​​​​ZURÜCK INS HERZ

»Ihr ernster Blick war auf den Tisch gerichtet, als würde dort etwas geschehen, was nur sie wahrnahm. Ihre Gedanken verdichteten sich zu einer Erinnerung, die stark und schwer verständlich für sie blieb. Es war kein Ereignis, dem man zuschauen konnte. Eigentlich nichts von Bedeutung meinte sie, und doch beschäftigte es sie zu einem völlig falschen Zeitpunkt.

       Sie erinnerte sich an das Ende ihrer Kindheit, die nicht wirklich zu Ende war. Noch war sie ja ein Kind und würde es noch eine Weile bleiben. Vielleicht länger als andere Kinder, auch wenn sie sich nicht so fühlte. Vor ein paar Jahren gab es einmal einen Augenblick, vielmehr einen Gedanken, den sie hatte und der sich später oft wiederholte. Immer zum falschen Zeitpunkt: Jetzt bin ich kein Kind mehr und ich darf nicht länger wie ein Kind fühlen. Es wäre schwer für sie gewesen, diesen Moment jemandem zu beschreiben. Sie verstand ihn selbst nicht, fühlte jedoch, dass er wichtig war.

       Wäre dieser Moment ein Märchen, dann wäre er für die Heldin in diesem Märchen jener schauerliche Augenblick, in dem geliebte Menschen sich in Hexen, Bestien und andere böse Gestalten verwandeln und der wunderschöne Ort, an dem sie lebt, zu einer dunklen und beunruhigenden Landschaft. Die Heldin muss alles mit neuen Augen sehen. Sie ist nicht nur von Engeln und Feen umgeben und die Welt ist kein Paradies. Sie wurde getäuscht oder hatte sich selbst getäuscht.

       Ein Kind hat nun mal Augen, die in einer starken Verbindung zum Herzen stehen. Inwendige Augen, die durchaus sehen, aber alles grösser und in einem viel helleren Licht. Anders. Besser. Es fühlt eigentlich mehr, als dass es sieht. Alles und jeder ist wundervoll. Bis ein einziger Moment das Herz von den Augen trennt.

       Später wird es diese Verbindung wiederfinden müssen. Zurück zur Unschuld finden. Erwachsenen fällt das schwer. Wenn sie die Welt erstmal kennen, sehnen sie sich oft nach dieser Verbindung zurück, die ihnen als Kindern selbstverständlich war. Sie suchen das Wundervolle und folgen alle dieser Sehnsucht auf verschiedene Weise.

       Und ihr machte es Angst, dass sie sich nach etwas sehnte, das irgendwie nicht normal sein konnte – dass es selbstverständlich sein sollte.«

(Sanela Tadić | aus: »MEISTERSCHAFT DER WUNDER« | Erzählung, 2014)




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